Presse · Deutschsprachiger Raum
Diese Seite sammelt Presseberichte über Gewalt durch Behörden. Die Auswahl trifft die Redaktion von Justice4All; die Berichte stammen von den verlinkten Medien. Stand der Verfahren entspricht dem jeweiligen Meldungsdatum.
Jahresrückblick & Synopse 2026: Staatsgewalt & Willkür
Rückwirkende Erfassung für das laufende Jahr 2026 · Stand: 23. Oktober 2026 · Zwei im Jahr 2026 neu gemeldete Todesfälle bei Einsätzen und Fixierungen (Duisburg, Wiesloch), ein weiterer Todesfall bei einer Fixierung in Dresden (Ereignis August 2025, in der Auswertung nachträglich erfasst) · zwei wesentliche Verfahrensentwicklungen zu bekannten Fällen (Oldenburg, Dortmund).
Die Schwerpunkte tödlicher Einsätze lagen 2026 erneut im Kontext psychischer Ausnahmesituationen, Amtshilfe für Kliniken sowie Fixierungs- und Fesselungsmaßnahmen. Im juristischen Nachgang älterer Fälle zeichnet sich in Oldenburg eine Anklagezulassung ab, während in Dortmund die Freisprüche rechtskräftig bestätigt wurden.
Neu gemeldete Fälle
Duisburg: Tod nach Fesselung in Bauchlage
Einsatzkräfte wurden in eine Wohnung gerufen, weil sich ein 37-jähriger Gast im Badezimmer eingeschlossen hatte, schrie und um sich schlug. Die Beamten verschafften sich Zutritt und legten dem Mann Hand- und Fußfesseln an; im Verlauf des Einsatzes verlor er das Bewusstsein. Die Reanimation war zunächst erfolgreich, wenig später starb der Mann im Krankenhaus.
Die Obduktion ergab als vorläufige Todesursache eine Hypoxie (Sauerstoffmangel); zudem gibt es Anhaltspunkte für eine Intoxikation. Ein Zusammenhang mit der Fesselung in Bauchlage kann nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht ausgeschlossen werden. Es wird gegen sechs Polizeibeamte wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge und gegen zwei Rettungsdienstmitarbeiter wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen ermittelt.
Pressemitteilung Polizei Düsseldorf → · Artikel bei Spiegel → · Zur Dokumentation: 37-jähriger Mann – Duisburg →
Wiesloch bei Heidelberg: Psychiatriepatient stirbt während Fixierung
Ein 34-jähriger, freiwillig im Psychiatrischen Zentrum Nordbaden behandelnder Patient geriet in einen psychischen Ausnahmezustand. Pflegekräfte und Stationsärztin konnten ihn weder beruhigen noch fixieren; zur Unterstützung wurde die Polizei des Reviers Wiesloch gerufen, die „unmittelbaren Zwang mit dem Ziel der Fixierung» anwendete. Während der Fixierung kollabierte der Mann, Reanimationsmaßnahmen blieben erfolglos – trotz sofortiger ärztlicher Hilfe wurde sein Tod festgestellt.
Staatsanwaltschaft Heidelberg und Landeskriminalamt ermitteln; im Raum steht der Verdacht der fahrlässigen Tötung gegen beteiligte Einsatzkräfte. Die Todesursache war nach erster Obduktion weiterhin offen.
Dresden: Tod bei Fixierungsversuch
Polizeikräfte wurden zu einem Einsatz in einem Mehrfamilienhaus gerufen: Ein 40-Jähriger hatte auf dem Balkon randaliert und Gegenstände heruntergeworfen. Beim Versuch, ihn zu fixieren, wurde er bewusstlos; alle Wiederbelebungsmaßnahmen – auch des zuvor zur Prüfung einer Zwangseinweisung gerufenen Notarztes – blieben erfolglos. Die Obduktion ergab zunächst keine eindeutige Todesursache; ein Todesermittlungsverfahren wurde eingeleitet.
Redaktioneller Hinweis: Dieser Fall wurde in unserer Auswertung zunächst als Januarmeldung 2026 geführt; nach Quellenlage (Spiegel-Themenseite, Tagesspiegel) liegt das Ereignisdatum im August 2025.
Artikel bei Tagesspiegel → · Spiegel-Themenseite Polizeigewalt →
Neue Entwicklungen bei bekannten Fällen
Oldenburg: Anklage gegen Polizeibeamten zugelassen
Die 4. Große Strafkammer des Landgerichts Oldenburg hat die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen einen 28-jährigen Polizeibeamten zum Hauptverfahren zugelassen (Beschluss vom 13.07.2026, Az. 4 KLs 99/25). Der Beamte soll bei dem Einsatz in der Oldenburger Innenstadt innerhalb von zwei Sekunden fünf Schüsse von hinten auf den flüchtenden 21-jährigen Lorenz A. abgegeben haben; die Kammer nimmt einen hinreichenden Tatverdacht wegen fahrlässiger Tötung an, nicht aber wegen Totschlags. Die Eltern von Lorenz A. werden als Nebenkläger auftreten; der Prozesstermin steht noch nicht fest.
Ein seltener Fall: Tödliche Dienstwaffennutzung wird hier gerichtlich verhandelt.
Bericht bei tagesschau → · Zur Dokumentation: Lorenz A. – Oldenburg →
Dortmund: Freisprüche im Fall Dramé rechtskräftig
Der Bundesgerichtshof hat die Revisionen der Staatsanwaltschaft (gegen den Freispruch des Dienstgruppenleiters) und der Nebenklage (gegen alle Freisprüche) verworfen. Damit sind die Freisprüche der fünf angeklagten Polizeibeamt*innen vom Landgericht Dortmund (Dezember 2024) rechtskräftig: Niemand wird für die fünf tödlichen Maschinenpistolenschüsse auf den 16-jährigen Mouhamed Lamine Dramé in einer psychiatrischen Notlage strafrechtlich verantwortlich gemacht.
Die Familie zeigt sich enttäuscht; Unterstützer*innen kritisieren, dass weder die Notwehr-Irrtumsproblematik noch ein möglicher Munitionierungsfehler am Taser vertieft geprüft wurden.
Bericht bei tagesschau → · Zur Dokumentation: Mouhamed Lamine Dramé →
Noch ungeklärter Hinweis
Hamburg: Schlag gegen den Kopf nach Festnahme?
Nach einer Festnahme eines tobenden Mannes wurde im Nachgang parlamentarischer Anfragen bekannt, dass ein Beamter dem Mann gegen den Kopf geschlagen haben soll; der Vorwurf der Vertuschung oder verspäteter Aktenkundigkeit steht im Raum. Für diesen Vorgang liegt der Redaktion bislang kein datierter Pressebeleg vor – die Quellenlage bedarf weiterer Auswertung, auch zu einem möglichen Zusammenhang mit dem dokumentierten Mannheimer Fall (Oktober 2026), bei dem ein Video Schläge gegen den Kopf eines Gefesselten zeigt. Wir verweisen, bis zur Klärung, auf die parlamentarischen Materialien (Bürgerschaft Drucksachen).
Redaktioneller Stand dieses Abschnitts: 23.10.2026 · Alle Links geprüft am 23.10.2026.
Aktuelle Meldungen
Tuttlingen: Tödliche Schüsse kamen aus einer Dienstwaffe
Nach den tödlichen Schüssen bei einem Polizeieinsatz in Tuttlingen steht fest: Sie stammen aus einer Dienstwaffe. Zuvor hatte es Berichte über eine verwendete Knallpistole gegeben; Innenstaatsekretär Hagel hatte den Einsatz am 13.10. verteidigt.
Mannheim: Mann stirbt nach Fixierung durch Polizei
Ein 47-Jähriger kollabierte nach einer Fixierung durch Polizisten in der Mannheimer Innenstadt und starb anschließend. Ein Video zeigt, wie ein Beamter mehrfach gegen den Kopf des Gefesselten schlägt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Oldenburg: Gericht bestellt Polizeipsychologen im Fall Lorenz A.
Im Verfahren um die tödlichen Polizeischüsse auf Lorenz A. in Oldenburg hat das Gericht einen Polizeipsychologen beauftragt. Der Nachname des Getöteten ist weiterhin nicht öffentlich.
Ibrahima Barry: Freispruch für angeklagte Polizisten
Ein Jahr nach dem Tod des geflüchteten Ibrahima Barry im Anschluss an einen Polizeieinsatz sind die angeklagten Beamtinnen und Beamten vom Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung freigesprochen worden. Justice4All dokumentiert die Geschichte: https://justice4all.eu/ibrahima-barry/
Köln: 26-Jährige stirbt während Fixierung in LVR-Klinik Merheim
Eine 26-jährige Patientin starb Ende September in der Kölner LVR-Klinik Merheim, während sie psychiatrisch fixiert war. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung.
Wiesloch: Patient stirbt während Fixierung – Polizei half der Klinik
Ein 34-jähriger Patient des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden kollabierte und starb, während er von Klinikpersonal und alarmierten Polizisten fixiert wurde. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg prüft fahrlässige Tötung.
Hintergrund und Dokumentation
Polizeiproblem 10/2026 – Zeitschrift Bürgerrechte & Polizei (CILIP)
Die Sonderausgabe dokumentiert Todesfälle in Polizeigewahrsam (u. a. 8. Oktober: 29-jähriger Mann nach Polizeieinsatz) sowie Urteile gegen Polizistinnen und Polizisten und ist damit eine belastbare Jahresübersicht.
Hamburg: William Tonou-Mbobda – Tod eines Psychiatriepatienten am UKE
Der Kameruner William Tonou-Mbobda starb 2019 nach Zwangsmaßnahmen von Sicherheitsleuten der UKE-Psychiatrie. Wissenschaftlerinnen forderten in einem offenen Brief Aufklärung; die Staatsanwaltschaft sah keine Hinweise auf Rassismus. Das Geschehen bleibt ein Standardbeispiel für Todesfälle in psychiatrischer Versorgung.
Stand: 23.10.2026 · Alle Links geprüft am 23.10.2026 · Ergänzungen und Korrekturen über die Redaktion.