Nejib Boubaker
Wer Nejib war – Erinnerungen an sein Leben

Ein freiheitsliebender Mensch

Nejib Boubaker kam 1991 nach Deutschland. Nach Angaben seiner Mitbewohnerin und ehemaligen Lebensgefährtin war er seit 1996 deutscher Staatsbürger.
Sein Umfeld beschreibt ihn als neugierigen, freiheitsliebenden, hilfsbereiten und kommunikativen Menschen.
Gemeinsam mit seiner damaligen Partnerin reiste er durch zahlreiche Länder Afrikas und Europas. Das Reisen, das Entdecken neuer Orte und die Begegnung mit anderen Menschen waren wichtige Bestandteile seines Lebens.
Besonders liebte er Motorräder. Selbst als er aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nicht mehr fahren konnte, kümmerte er sich weiter um seine Maschine.
Der Adler war für ihn ein Symbol der Freiheit.

Die Bank vor seinem Haus

Viele Menschen aus der Nachbarschaft kannten Nejib von seiner Bank vor dem Haus.
Bei gutem Wetter saß er dort mit Kaffee, selbstgedrehten Zigaretten und Musik. Zu seinen Lieblingskünstlern gehörten nach den bereitgestellten Erinnerungen Bon Jovi, AC/DC, Metallica und Joe Cocker.
Er sprach Menschen an, lud sie zum Kaffee ein und brachte Nachbar*innen miteinander ins Gespräch.
Seine Bank wurde zu einem Treffpunkt, an dem sich Menschen begegneten, unterhielten und gemeinsam Zeit verbrachten.
Hilfsbereitschaft und Engagement

Nejib war handwerklich und künstlerisch begabt.
Er half bei Reparaturen, entwickelte eigene Ideen und baute unter anderem Vogelhäuser für die Nachbarschaft.
In einer bereitgestellten Gedenkgrafik heißt es:
„Das letzte Vogelhaus, das du für einen Nachbarn gebaut hast, hat dich sehr viel Kraft gekostet, doch du hast es mit Liebe, Geduld und Hingabe vollendet.»
Auch ehrenamtlich engagierte er sich. Nach den Erinnerungen seines Umfelds unterstützte er die Tafel in Scharnhorst. Da er mehrere Sprachen sprach, half er dort auch als Übersetzer.
Mojito – sein treuer Begleiter

Nach einem schweren Motorradunfall im Jahr 2012 war Nejib beim Gehen eingeschränkt.
Seine damalige Partnerin berichtet, dass sie gemeinsam den Hund Mojito auswählten. Regelmäßige Spaziergänge sollten Nejib dabei helfen, seine Beweglichkeit zurückzugewinnen und möglichst wieder ohne Krücken gehen zu können.
Aus diesem Vorhaben entwickelte sich eine enge Bindung zwischen Nejib und Mojito.
Den Namen Mojito wählte Nejib in Erinnerung an frühere Aufenthalte in Kuba.

Mojito gehörte zu seinem Alltag und war auch bei Treffen mit Nachbar*innen dabei.
Gemeinsam feiern und leben

Sein Umfeld erinnert sich an gemeinsame Sommerabende, Grillfeste und Lagerfeuer, an Musik, Tanzen und Lachen.
Nejib brachte Menschen zusammen. Er konnte sich für kleine Dinge begeistern und teilte seine Zeit und Fähigkeiten mit anderen.
Diese Erinnerungen sind ein wichtiger Teil seiner Geschichte.
Denn Nejib Boubaker war nicht nur der Mann, der am 14. März 2025 von einem Polizeibeamten erschossen wurde.
Er war ein Freund, Nachbar, Partner und ein Mensch mit einer eigenen Geschichte.


Die Stimme seiner Mitbewohnerin und ehemaligen Lebensgefährtin

In einer bereitgestellten persönlichen Rede beschreibt sie ihre Trauer, ihre Erinnerungen an das gemeinsame Leben und ihre Fragen an die Verantwortlichen.
Sie erinnert an Reisen durch Afrika, an Nejibs Freiheitsliebe, an seine Hilfsbereitschaft und an das Vertrauen, das beide in Deutschland empfunden hatten.

Besonders schmerzhaft ist für sie, dass Nejib ausgerechnet vor seinem eigenen Zuhause starb, nachdem sie medizinische Hilfe gerufen hatte.
Sie schildert seine letzten Worte:
„Die haben geschossen, es tut weh.»
Sie fragt, warum ihre Hinweise zu seinem Gesundheitszustand nicht berücksichtigt worden seien, warum Menschen aus seinem Umfeld nicht vermitteln durften und weshalb der Einsatz tödlich endete.
Auch der Umgang mit Nejibs Leichnam und die Überführung nach Tunesien beschäftigen sie.
Nach ihrer Darstellung wurde Nejib nach sechs Wochen nach Tunesien überführt, obwohl sie und Freund*innen sich bereits um eine Bestattung in Dortmund bemüht hätten.
Wer diese Entscheidungen traf und auf welcher rechtlichen Grundlage, ist anhand der vorliegenden Materialien nicht unabhängig geklärt.
Ihre Rede macht deutlich, wie tief der Verlust und die Erfahrungen mit den Behörden ihr Vertrauen erschüttert haben.
Rede der Mitbewohnerin und ehemaligen Lebensgefährtin — vollständiger Originalwortlaut
Bereitgestellter Wortlaut. Die Rede dokumentiert persönliche Erinnerungen, Wahrnehmungen und Fragen. Datum und Anlass wurden nicht mitgeliefert.
Auch weil wir keine Zustände wollen wie in Minneapolis/Minnesota stehen wir hier…..
Lieber Nejib: deine Seiten wurden zu früh geschlossen. Ich stehe jetzt hier, alleine, und ringe mit jedem Satz. Mir fällt es immer noch schwer….zu verstehen, warum du erschossen wurdest – eingefädelt durch die, die ich eigentlich zur Hilfe gerufen habe.
Heimat ist dort, wo man sich sicher fühlt. In den vielen Ländern Afrikas, durch die wir gefahren sind, fühlte ich mich mit dir immer sicher, obwohl einige Länder vom Auswärtigen Amt als gefährlich eingestuft wurden..
Hier vor unserer Haustür, in einem rechtsstaatlichen und demokratischen Land wurdest du erschossen. Dadurch wurden unser Heimatgefühl und unser Vertrauen zu unserem Heimatland hochgradig beschädigt. Ich konnte den Vertrauensverlust noch in deinen Augen lesen, als ich dich ein letztes Mal festhielt – und ich immer noch deine letzten Worte höre “die haben geschossen, es tut weh” –
Nejib war freiheitsliebend und begeisterter Motorradfahrer. Bis zuletzt hat er seine Maschine gepflegt, selbst dann, als er nicht mehr fahren konnte. Das Symbol seiner Freiheit war der Adler.
Wenn er anderen Menschen auf Motorädern begegnete,- und es waren auch Polizisten dabei- nahm er Kontakt auf, um mit ihnen zu fachsimpeln.
Nejib war handwerklich und künstlerisch begabt. Dass er gerne seine Hilfe bei Reparaturen anbot, machte ihn zu einem beliebten Nachbarn und Freund. Leidenschaftlich arbeitete er immer an neuen Ideen. Hingebungsvoll und mit viel Zeitaufwand setzte er dann seine Ideen um. Oft saß er vor dem Haus auf seiner Bank, und kam so mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch. Er schaffte es sogar, mit einem Glas Wein auf der Straße zu tanzen.
Sein Umfeld: Menschen, Natur und die Tiere waren ihm wichtig. Er arbeitete deshalb auch ehrenamtlich bei der Tafel hier in Scharnhorst. Da er mehrere Sprachen sprach, wurde er dort auch als Übersetzer benötigt.
Ich möchte zuerst die Nothelfer, die ich gerufen habe fragen:
Warum habt ihr nicht akzeptiert, dass Nejib nicht ins Krankenhaus wollte? Er hat laut geschrien, als er merkte, dass ihr sein Selbstbestimmungsrecht ignoriert. Auch meine Einwände…er muss sich beruhigen, er muss erst eine Rauchen, wolltet ihr nicht hören. Warum habt ihr diesen kranken, sich im Delir befindenden Menschen, mit der Polizei bedroht? Warum habt ihr nicht erkannt, dass sich Nejib in einem psychischen Ausnahmezustand befand und dass Reizbarkeit und verlangsamtes Denken eine direkte Folge der Anfälle war.
Warum habt ihr nicht mit der Polizei kommuniziert- Warum habt ihr nicht erklärt, was das Gehirn nach 3 Epileptischen Anfällen mitmacht. Warum habt ihr nicht deskaliert?
Fragen an die Polizei
Warum habt ihr euch bedroht gefühlt und eure Schusswaffe schon in der Hand, obwohl Nejib noch alleine im Haus war. Warum habt ihr so hysterisch rumgeschrien, bis er keine Wahl mehr hatte und raus kam.
Warum habt ihr euch dann von einem Messer bedroht gefühlt, das schlaff in der Hand, nach unten gerichtet hing. Warum habt ihr uns, die helfen wollten bedroht, mit Befehlen die ich nie vergessen werde:„ Weg vom Mann“ „Gehen sie aus der Schusslinie“ Warum habt ihr uns nicht als Menschen wahrgenommen, die deeskalieren wollten und die so nah am Nejib standen, dass sie ihn hätten umarmen können.
Warum habt ihr Nejib nicht ins Haus gelassen, als er zum Vorgarten ging und Schutz in seinem Haus suchen wollte.
Warum ist der Schütze auf Nejib zugegangen, während Nejib stand und sich an einem Auto festhielt.
Warum habt ihr einen alten, kranken und gehbehinderten Menschen mit Pflegestufe 3, behandelt wie ein Objekt:
Ihr habt stereotyp die Vorgabe: Bei Messer immer Schusswaffe befolgt.
Und andere Möglichkeiten, außer schießen ist euch nicht in den Sinn gekommen?
Fragen an die Kripo:
Warum habt ihr den Leichnam an die tunesische Botschaft übergeben. Nejib der seit 1991 hier in Dortmund lebte und seit 1996 Deutscher Bürger war, wurde nach 6 wöchiger Einlagerung in sein Herkunftsland überführt, mit der Begründung, dass die Beerdigungskosten nicht der öffentlichen Kasse angelastet werden sollten. Obwohl seine Freunde und ich uns beim zuständigen Amt schon um die Beerdigung gekümmert haben.
Seit wann ist es zulässig, dass Bundesbürger aus finanziellen Gründen ins Ausland überführt werden?
Wir Alle wussten, dass Nejibs Heimat Deutschland war und er auch hier bleiben wollte.
Niemand hatte die Chance, sich von Nejib zu verabschieden. Wir haben keine kulturelle und ehrenvolle Gedenkstätte. Wie unmenschlich ist das?
Abschied nehmen
ist ein Bedürfnis aller Lebewesen – Mensch und Tier.
Ihr habt es uns verwehrt.
Fragen an das Innenministerium
Warum ist die Verwendung der Bodycams nicht verpflichtend für die Polizei.
Warum darf ein Polizeisprecher, die eingesetzten polizeilichen Maßnahmen, hier den tödliche Bauchschuss, legitimieren und damit die Schuldzuweisung in der Öffentlichkeit, aber auch vor Gericht, auf das Opfer lenken.
Fragen an den Staatsanwalt:
Warum wurde das Verfahren gegen den Polizisten, der den tödlichen Schuss abgegeben hat eingestellt?
Warum bleibt ungestraft, dass die Polizei auf Körperregionen schießen darf, die sicher den Tod bedeuten.
Warum wird Tor und Tür geöffnet: für die Polizei, die sich subjektiv bedroht fühlen, obwohl sie eine tödliche Waffe mit hoher Reichweite in der Hand halten. Obwohl Sie Schulungen und Fortbildungen bekommen, die ja letztendlich in unser Aller Interesse sind.
Aber niemand von uns, der auf der Straße war, hat sich von Nejib bedroht gefühlt, sondern von der Polizei.
Ein schwerkranker und körperbehinderter alter Mensch, der durch die Epilepsie Anfälle desorientiert ist, aber trotzdem um sein Selbstbestimmungsrecht und seine Würde kämpft, wird nicht gehört.
Und es kommt der Polizei nicht in den Sinn, dass sie diesen hilflosen Menschen bedrohen und zum Opfer ihrer Machtansprüche machen.
Ein buddhistisches Sprichwort sagt: Es gibt nur eine Zeit aufzuwachen: Diese Zeit ist jetzt.
Weitere Erinnerungen von Brigitte

In einer weiteren bereitgestellten persönlichen Ansprache erinnert Brigitte an gemeinsame Reisen, an Nejibs Vertrauen in Deutschland und an den Verlust dieses Vertrauens durch seinen Tod.

Sie stellt Fragen nach demokratischer Verantwortung, staatlicher Gewalt und den Möglichkeiten, die Situation zu deeskalieren.
Die Rede ist eine persönliche Trauer- und Zeug*innenperspektive. Datum und Anlass sind nicht angegeben.
Die beiden persönlichen Reden sind im vollständigen Originalwortlaut in den aufklappbaren Bereichen unten dokumentiert. Die vorstehenden Abschnitte sind eine inhaltliche Wiedergabe und ersetzen diesen Wortlaut nicht.
Rede von Brigitte — Einordnung und Originaldokument
Die beiden bereitgestellten Blattfotografien enthalten eine weitere persönliche Ansprache. Brigitte erinnert an gemeinsame Reisen durch Afrika und Europa, Nejibs Vertrauen in Deutschland und den Verlust dieses Vertrauens beim tödlichen Einsatz. Sie fragt nach demokratischer Verantwortung und beschreibt, wie Menschen aus seinem Umfeld am Vermitteln gehindert worden seien.
Die Rede ist eine persönliche Trauer- und Zeug*innenperspektive. Datum und Anlass sind nicht angegeben. Das verbleibende Blatt mit dem Beginn „Ja mein Lieber Nejib» wird als Originalabbildung dokumentiert.

Persönliche Rede · zweites Blatt
Gedenken und Erinnerungsarbeit
Angehörige, Freund*innen und Menschen aus der Nachbarschaft halten Nejibs Geschichte sichtbar.
Die Initiative Justice for Nejib setzt sich für Erinnerung und Aufklärung ein.

Am 14. März 2026, seinem ersten Todestag, versammelten sich Menschen in Dortmund-Scharnhorst zu einer Gedenkveranstaltung und einer Schweigeminute.

Der WDR berichtete, dass kurz zuvor ein Gedenkstein im Vorgarten seines früheren Wohnhauses aufgestellt worden war.
Dieser Ort ermöglicht es Menschen, ihrer Trauer Ausdruck zu geben und an Nejib zu erinnern.
Die frühere Rede seiner Mitbewohnerin beklagt noch das Fehlen eines Gedenkortes. Diese Aussage beschreibt die damalige Situation und steht nicht im Widerspruch zum später errichteten Gedenkstein.


Geschichte & Dokumentation
Ein Leben voller Wärme und Hilfsbereitschaft. Ein tödlicher Polizeieinsatz. Viele offene Fragen.
Diese Dokumentation unterscheidet zwischen öffentlich berichteten Fakten, behördlichen Darstellungen, Aussagen von Zeug*innen und Angehörigen sowie politischen Bewertungen. Wo Aussagen einander widersprechen oder Unterlagen fehlen, wird dies ausdrücklich benannt.

1. Auf einen Blick
- Name
- Nejib Boubaker (in manchen Quellen „Najib» — hier wird „Nejib» verwendet)
- Alter
- 70 Jahre
- Ort
- Dortmund-Scharnhorst, vor seinem Wohnhaus
- Datum
- 14. März 2025
- Anlass
- Medizinischer Notruf nach Angaben seiner Mitbewohnerin nach drei epileptischen Anfällen
- Tod
- Nejib starb nach einem Polizeischuss in den Bauch. Laut Ruhr Nachrichten (18.03.2025) teilte die Staatsanwaltschaft mit, die Obduktion habe innere Blutungen als Todesursache ergeben; der medizinische Originalbefund liegt dieser Dokumentation nicht vor. Die Schussentfernung von etwa drei Metern und das damalige Alter des Beamten werden in der Berichterstattung genannt.
- Verfahren
- Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen gegen zwei Beamte ein (WDR-Bericht vom 06.08.2025; Begründung: Notwehr). Laut Nordstadtblogger vom 13.03.2026 ging die anwaltliche Vertretung der Angehörigen dagegen vor; Art und Ausgang des Rechtsmittels sind hier nicht bestätigt.
- Beweislage
- Nach WDR-Berichterstattung waren Bodycams während des Einsatzes nicht aktiviert. Medizinischer Originalbefund und vollständige Ermittlungsakte liegen dieser Dokumentation nicht vor
- Bestattung
- Nach Darstellung seiner Mitbewohnerin Überführung nach Tunesien nach sechs Wochen
Stand der Dokumentation: 8. Oktober 2026 · Aufbau aktualisiert: 12. Oktober 2026 · Verfahrensstand zuletzt gegengeprüft: 15. Oktober 2026 · Gesicherte Fakten, behördliche Darstellungen und Zeug*innenaussagen sind in den folgenden Abschnitten klar getrennt.
2. Ablauf des Polizeieinsatzes
Eine medizinische Notlage
Am 14. März 2025 starb der 70-jährige Nejib Boubaker nach einem Polizeischuss in Dortmund-Scharnhorst. Was als medizinischer Hilferuf begann, endete mit seinem Tod.
Nach der Schilderung seiner Mitbewohnerin und ehemaligen Lebensgefährtin hatte Nejib zuvor drei epileptische Anfälle erlitten. Diese persönliche Zeug*innenperspektive ist für die Frage zentral, wie sein gesundheitlicher Zustand beim Einsatz berücksichtigt wurde. Sie rief Hilfe, weil er medizinische Unterstützung benötigte. Sie beschreibt ihn als desorientiert, körperlich geschwächt und überfordert.
Nejib wollte nicht ins Krankenhaus gebracht werden. Seine Mitbewohnerin berichtet, sie habe die Rettungskräfte gebeten, ihm Zeit zu geben, damit er sich beruhigen könne. Diese Bitte sei nicht berücksichtigt worden.
Der WDR berichtete später, dass der Rettungsdienst Nejib zunächst in der Wohnung behandelte. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft sei er aggressiv geworden, woraufhin die Polizei hinzugezogen wurde.
Der tödliche Schuss
Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft soll Nejib mit einem Küchenmesser auf die Einsatzkräfte zugegangen sein. Die Behörde bewertete die Situation als unmittelbare Bedrohung.
Menschen aus seinem Umfeld schildern den Ablauf anders. Seine Mitbewohnerin beschreibt das Messer als nach unten gerichtet und Nejib als gesundheitlich stark eingeschränkt. Sie berichtet, dass Menschen, die beruhigend eingreifen wollten, von der Polizei zurückgewiesen worden seien.
Nach dem WDR-Bericht schoss ein damals 24-jähriger Polizeibeamter aus ungefähr drei Metern Entfernung in Nejibs Bauch. Nejib starb am Einsatzort im Rettungswagen.
Die Staatsanwaltschaft bewertete den Schuss später als Notwehr. Nach ihrer Darstellung habe die kurze Entfernung keine Möglichkeit gelassen, andere Einsatzmittel einzusetzen.
Todesursache
Ein Bericht der Ruhr Nachrichten vom 18. März 2025 gibt eine Auskunft des Staatsanwalts Felix Giesenregen wieder. Demnach bestätigte die Obduktion, dass Nejib infolge des Polizeischusses durch innere Blutungen starb.
Diese Angabe stammt aus einem bereitgestellten Screenshot des journalistischen Berichts. Der medizinische Originalbefund liegt dieser Dokumentation nicht vor.
Chronologie
| Zeitpunkt | Ereignis |
|---|---|
| 14. März 2025 | Nejib erleidet nach Angaben seiner Mitbewohnerin mehrere epileptische Anfälle. |
| Anschließend | Der Rettungsdienst wird gerufen und versorgt Nejib zunächst in seiner Wohnung. |
| Während des Einsatzes | Nejib lehnt eine Krankenhausfahrt ab. Die Polizei wird hinzugezogen. |
| Vor dem Wohnhaus | Ein Polizeibeamter schießt auf Nejib. |
| Noch am Einsatzort | Nejib stirbt im Rettungswagen. |
| August 2025 | Die Staatsanwaltschaft stellt die Ermittlungen gegen zwei Polizeibeamte ein. |
| März 2026 | Zum ersten Todestag findet eine Gedenkveranstaltung statt; ein Gedenkstein wird aufgestellt. |
Die genauen Zeitabstände und Bewegungsabläufe unmittelbar vor dem Schuss sind anhand der öffentlich zugänglichen Informationen nicht abschließend rekonstruierbar.
3. Widersprüche und Zeugenaussagen
Wie gefährlich war Nejib in diesem Moment?
Im Mittelpunkt der unterschiedlichen Darstellungen steht die Frage, ob Nejib eine unmittelbare Gefahr darstellte, die den Einsatz einer Schusswaffe erforderlich machte.
Darstellung der Staatsanwaltschaft: Nejib habe ein Küchenmesser bei sich gehabt und sich zügig auf Polizeibeamte zubewegt. Die Einsatzkräfte hätten sich in einer Notwehrsituation befunden.
Darstellung aus seinem Umfeld: Seine Mitbewohnerin beschreibt Nejib als gehbehindert, desorientiert und nach mehreren epileptischen Anfällen körperlich geschwächt. Das Messer habe schlaff nach unten gehangen. Nach ihrer Darstellung sei Nejib zeitweise stehen geblieben und habe sich an einem Auto festgehalten.
Diese unterschiedlichen Schilderungen sind entscheidend für die Beurteilung der Gefahrensituation. Ohne die vollständigen Ermittlungsunterlagen lässt sich der genaue Ablauf nicht abschließend beurteilen.
Warum wurden Menschen aus seinem Umfeld nicht einbezogen?
Seine Mitbewohnerin berichtet, dass sie und andere Menschen aus der Nachbarschaft versucht hätten, beruhigend auf Nejib einzuwirken.
Sie erinnert sich an polizeiliche Aufforderungen wie:
„Weg vom Mann.»
„Gehen Sie aus der Schusslinie.»
Aus ihrer Sicht hätten die Einsatzkräfte eine Möglichkeit zur Deeskalation ausgeschlossen, obwohl vertraute Menschen in unmittelbarer Nähe gewesen seien.
Zu klären bleibt, welche Gefahrenabwägung die Polizei dabei traf und welche anderen Möglichkeiten zur Beruhigung geprüft wurden.
Die Schilderung eines engen Freundes und Nachbarn
Die Ruhr Nachrichten veröffentlichten am 18. März 2025 einen Bericht von Julius Obhues über die Erinnerungen eines engen Freundes und Nachbarn.
Der Freund berichtete, Nejibs frühere Lebensgefährtin habe ihn nach dem dritten starken epileptischen Anfall um Hilfe gebeten. Nejib sei zu diesem Zeitpunkt in der Küche bewusstlos gewesen.
Später habe der Nachbar Geschrei auf der Straße gehört. Menschen aus der Nachbarschaft hätten die Polizeibeamten aufgefordert, ihre Waffen herunterzunehmen. Sie hätten angeboten, selbst auf Nejib einzuwirken.
Nach seiner Darstellung sei dieses Angebot abgelehnt worden. Eine Polizeibeamtin habe die Anwesenden aufgefordert, die Schusslinie zu verlassen. Wenige Sekunden später sei der Schuss gefallen.
Vom Fenster aus habe der Freund anschließend die Wiederbelebungsversuche im Rettungswagen beobachtet.
Seine Schilderung ist eine journalistisch wiedergegebene Zeugenaussage. Sie sollte bei einer vollständigen Rekonstruktion mit den Aussagen der Einsatzkräfte und weiteren Beweismitteln abgeglichen werden.
Die Bedeutung der zeitlichen Abfolge
Der Nachbar unterscheidet zwischen den Polizeikräften, die sich vor dem tödlichen Schuss vor Ort befunden hätten, und weiteren Einsatzkräften, die erst später eingetroffen seien.
Das ist wichtig, weil das nachträglich sichtbare Polizeiaufgebot nicht automatisch die Einsatzsituation vor dem Schuss widerspiegelt.
Eine umfassende Aufarbeitung müsste deshalb klären, wie viele Einsatzkräfte zu welchem Zeitpunkt anwesend waren, wo sie standen und welche Handlungen sie vornahmen.
Die fehlenden Bodycam-Aufnahmen
Nach dem WDR-Bericht waren die Bodycams während des Einsatzes nicht eingeschaltet.
Damit fehlen mögliche Videoaufnahmen der entscheidenden Sekunden.
Das Fehlen solcher Aufnahmen beweist weder die Darstellung der Polizei noch diejenige der Zeug*innen. Es erschwert aber die unabhängige Rekonstruktion des Geschehens erheblich.
Offen bleibt insbesondere, warum die Kameras nicht aktiviert waren und welche anderen Beweismittel zur Verfügung standen.
4. Ermittlungen und rechtliche Aufarbeitung
Einstellung der Ermittlungen
Am 6. August 2025 berichtete der WDR, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen den Polizeibeamten, der den tödlichen Schuss abgegeben hatte, sowie gegen einen weiteren beteiligten Beamten eingestellt habe.
Die Staatsanwaltschaft begründete ihre Entscheidung mit Notwehr. Angehörige und Menschen aus Nejibs Umfeld stellen dieser Bewertung ihre abweichenden Schilderungen gegenüber und fordern eine umfassende Aufklärung.
Nach ihrer Bewertung habe sich Nejib mit einem Messer auf die Beamten zubewegt. Der Schütze habe sich aufgrund der kurzen Entfernung in einer Situation befunden, in der andere Einsatzmittel nicht mehr rechtzeitig hätten eingesetzt werden können.
Diese Bewertung ist die Begründung der Staatsanwaltschaft. Sie bedeutet nicht, dass sämtliche Fragen zum Einsatzablauf oder zum Umgang mit Nejibs gesundheitlicher Krise beantwortet sind.
Angehörige gehen gegen die Einstellung vor
Die Nordstadtblogger berichteten am 13. März 2026, dass die anwaltliche Vertretung der Angehörigen gegen die Einstellung vorgegangen sei.
Der Bericht verwendet hierfür den Begriff „Widerspruch». Welches förmliche Rechtsmittel tatsächlich eingelegt wurde, lässt sich ohne die Verfahrensunterlagen nicht sicher bestimmen.
Der weitere Ausgang dieses Vorgehens ist anhand der hier vorliegenden Quellen nicht bestätigt.
Insbesondere liegen dieser Dokumentation weder die vollständige Einstellungsverfügung noch die Ermittlungsakte vor.
Kritik am polizeilichen Vorgehen
Die Kritik aus Nejibs Umfeld betrifft nicht nur den tödlichen Schuss, sondern den gesamten Einsatzverlauf.
Seine Mitbewohnerin stellt die Frage, warum die Einsatzkräfte nicht stärker berücksichtigt hätten, dass Nejib nach mehreren epileptischen Anfällen möglicherweise desorientiert und in seiner Wahrnehmung eingeschränkt gewesen sei.
Sie kritisiert, dass vertraute Personen nicht zur Beruhigung hinzugezogen worden seien. Außerdem fragt sie, weshalb Polizeibeamte bereits mit gezogenen Waffen aufgetreten seien und ob Nejib Gelegenheit gehabt habe, sich in sein Haus zurückzuziehen.
Diese Schilderungen sind als persönliche Zeug*innenperspektive zu dokumentieren. Sie sind nicht mit einer gerichtlichen Feststellung des Einsatzablaufs gleichzusetzen.
Kritik am medizinischen Umgang
Auch die Entscheidungen der medizinischen Einsatzkräfte werden von seiner Mitbewohnerin hinterfragt.
Sie berichtet, Nejib habe eine Krankenhausfahrt abgelehnt und sie selbst habe darum gebeten, ihn zunächst zur Ruhe kommen zu lassen.
Aus ihrer Sicht sei nicht ausreichend berücksichtigt worden, welche körperlichen und psychischen Auswirkungen mehrere epileptische Anfälle auf einen Menschen haben können.
Daraus ergeben sich Fragen: Wie wurde Nejibs medizinischer Zustand eingeschätzt? Welche Informationen wurden an die Polizei übermittelt? Welche Möglichkeiten zur Kommunikation und Deeskalation wurden geprüft?
Aus den vorliegenden Quellen lässt sich jedoch kein individueller ärztlicher Behandlungsfehler feststellen. Dafür wären insbesondere die medizinische Einsatzdokumentation und Stellungnahmen der beteiligten Personen erforderlich.
Fragen, die bleiben
- Welche konkreten Möglichkeiten der Deeskalation wurden vor dem Schuss geprüft?
- Warum wurden Menschen aus Nejibs vertrautem Umfeld nicht zur Vermittlung einbezogen?
- Wie wurden seine Epilepsie, seine Gehbehinderung und sein Zustand nach den Anfällen berücksichtigt?
- Warum waren die Bodycams nicht eingeschaltet?
- Welche Bedeutung hatten die unterschiedlichen Zeugenaussagen für die Ermittlungen?
- Warum wurde nach Angaben seiner Mitbewohnerin eine Bestattung in Deutschland nicht ermöglicht?
- Welche Konsequenzen wurden aus dem tödlichen Einsatz gezogen?
Staatliche Verantwortung und Menschenrechte
Ein medizinischer Hilferuf endet mit dem Tod des Menschen, für den Hilfe gerufen wurde. Aus Sicht dieser Dokumentation wirft dies grundlegende Fragen nach der Verantwortung staatlicher Schutzstrukturen auf.
Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes verpflichtet staatliche Gewalt, die Menschenwürde zu achten und zu schützen. Artikel 2 Absatz 2 garantiert das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.
Gerade wenn Menschen aufgrund einer Erkrankung oder psychischen Ausnahmesituation Hilfe benötigen, müssen diese Rechte Maßstab des staatlichen Handelns bleiben.
Das Minnesota-Protokoll der Vereinten Nationen beschreibt internationale Standards für die Untersuchung potenziell rechtswidriger Todesfälle. Dazu gehören insbesondere wirksame, gründliche, unabhängige, unparteiische und transparente Ermittlungen.
Diese Grundsätze sind ein Maßstab für die öffentliche Diskussion über die Aufklärung des Todes von Nejib Boubaker. Ihre Nennung stellt keine Feststellung dar, dass eine rechtswidrige Tötung vorlag.
Welche Konsequenzen wir fordern
- Eine nachvollziehbare Rekonstruktion des gesamten Einsatzes und der geprüften Alternativen.
- Die angemessene Berücksichtigung von Zeug*innenaussagen und medizinischen Einschränkungen.
- Transparenz über die fehlenden Bodycam-Aufnahmen.
- Verbesserte Deeskalation und fachliche Unterstützung bei medizinischen und psychischen Krisen.
- Eine respektvolle Einbeziehung und Information von Angehörigen und nahestehenden Menschen.
- Eine öffentliche Diskussion über unabhängige Kontrolle, Ausbildung und Einsatzorganisation.
Diese Forderungen sind die politische Position dieser Dokumentation und keine Wiedergabe einer gerichtlichen Entscheidung.
5. Quellen und Literatur
Vollständige Nachweise, Originalreden und die Grenzen dieser Dokumentation — in aufklappbaren Bereichen.
Quellen und Literatur
Journalistische Berichterstattung
- Julius Obhues (18. März 2025): „Nach tödlichem Polizeischuss in Dortmund: Jetzt spricht ein enger Freund des Toten.» Ruhr Nachrichten, 16:47 Uhr. Ausgewertet anhand bereitgestellter Screenshots.
- Friedrich Kraft (21. März 2025): „Tödliche Schüsse der Polizei: Musste Najib Boubaker sterben?» die tageszeitung (taz). Originalquelle öffnen
- Catherine Jaspard (6. August 2025): „Tödlicher Schuss in Dortmund: Ermittlungen gegen Polizisten eingestellt.» WDR. Originalquelle öffnen
- Fenja Horstmann (13. März 2026): „Zum ersten Todestag: Nejib Boubaker wird am Samstag mit Gedenkveranstaltung bedacht.» Nordstadtblogger. Originalquelle öffnen
- Christof Voigt (14. März 2026): „Tödlicher Polizei-Schuss in Dortmund: Gedenken für Nejib Boubaker.» WDR. Originalquelle öffnen
- Informationsstelle Militarisierung (25. März 2025): „Der Fall Najib Boubaker: wieder ein Polizeitoter.» IMI-Aktuell 2025/176. Originalquelle öffnen
Rechtliche und internationale Grundlagen
- Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Artikel 1 Absatz 1: Schutz der Menschenwürde. Originalquelle öffnen
- Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Artikel 2 Absatz 2: Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Originalquelle öffnen
- OHCHR (2017): The Minnesota Protocol on the Investigation of Potentially Unlawful Death (2016). New York und Genf, HR/PUB/17/4. Originalquelle öffnen (PDF)
Persönliche Quellen und bereitgestelltes Material
- Rede seiner Mitbewohnerin und Expartnerin: vollständiger bereitgestellter Wortlaut (siehe oben), Datum und Anlass nicht mitgeliefert.
- Zwei fotografierte Blätter einer persönlichen Rede von Brigitte, Datum und Anlass unbekannt (siehe oben).
- Biografischer Erinnerungsentwurf sowie Gedenkgrafiken und Bilder aus seinem Leben.
SAT.1 NRW und Radio Dreyeckland werden in den gelieferten Entwürfen als weitere Medien genannt. Ohne eindeutig zugeordnete, überprüfte Einzelbeiträge werden sie hier nicht als Belege für konkrete Aussagen verwendet. Alle journalistischen Quellen recherchiert am 8. Oktober 2026.
Grenzen der Dokumentation und offene Punkte
Nicht vorliegend sind insbesondere der medizinische Originalbefund, die vollständige Ermittlungsakte, die Einstellungsverfügung und die behördlichen Unterlagen zur Überführung nach Tunesien. Das genaue Geburtsdatum ist nicht dokumentiert.
In den journalistischen Quellen erscheinen unterschiedliche Schreibweisen des Vornamens: Nejib und Najib. Diese Dokumentation verwendet Nejib Boubaker, übernimmt in Quellentiteln jedoch die dort verwendete Schreibweise.
Stand der zugrunde liegenden Dokumentation: 8. Oktober 2026. Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2026.